20 Jahre Krisenintervention  – Erste Hilfe für die Seele

20 Jahre Krisenintervention  – Erste Hilfe für die Seele

Ein plötzlicher Todesfall in der Familie, ein tragischer Unfall, eine unvorhersehbare Naturkatastrophe oder ein traumatisches Ereignis: Wenn das Schicksal zuschlägt und das Leben von einem Moment zum anderen auf den Kopf stellt, sind die freiwilligen Mitarbeiter der Krisenintervention zur Stelle. Seit mittlerweile 20 Jahren leisten sie „psychosoziale Erste Hilfe“

Es passierte an einem sonnigen Sommertag: Ein junger Mann ging mit seinen Freunden zum See, um sich abzukühlen. Er war ein schlechter Schwimmer. Der Mann bewegte sich zu weit ins tiefe Wasser. Plötzlich verließen ihn seine Kräfte und er ging unter. Seine Freunde sahen ihn nicht mehr und alarmierten sofort die Rettungskräfte. Diese konnten den Mann nur mehr tot aus dem Wasser bergen. Er hinterließ eine hochschwangere Ehefrau und zwei kleine Kinder. „Dieser Einsatz ist mir noch heute lebhaft in Erinnerung“, erzählt Rotkreuz-Mitarbeiterin Ilse Ebner (62). Sie leistete an diesem Tag Erste Hilfe für die Seele für die Freunde des Ertrunkenen und auch für seine Familie, die noch dazu vor Krieg und Gewalt geflohen war, um sich in Österreich ein neues Leben aufzubauen. Seit mittlerweile 11 Jahren engagiert sich Ebner freiwillig im 22-köpfigen Team der Krisenintervention Linz-Land. „Meine Aufgabe besteht darin, die Betroffenen durch schwierige Stunden zu begleiten“, meint die in Traun lebende freiwillige Rotkreuz-Mitarbeiterin. „Jeder Einsatz in der Krisenintervention ist unterschiedlich. Unsere Arbeit erfordert Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, eine starke Persönlichkeit und ein wertschätzendes Umfeld.“

Menschen in Ausnahmesituationen beistehen
Es sind unvorhersehbare Ereignisse, die bei unmittelbar Beteiligten Fassungslosigkeit und völliges Unverständnis hervorrufen. Menschen in dieser Zeit beizustehen, ist die Aufgabe der Mitarbeiter der Krisenintervention im OÖ. Roten Kreuz. Sie geben Halt, wenn das Schicksal Menschen auf die Probe stellt und ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht. Die Ziele der Krisenintervention sind: Das Gefühl der Hilflosigkeit bei den Betroffenen zu mindern, ihnen Sicherzeit zu vermitteln und sie so zu stabilisieren. „Es geht vor allem darum, die Handlungsfähigkeit der Betroffenen möglichst wiederherzustellen“, erklärt OÖ. Rotkreuz-Präsident Dr. Aichinger Walter. Im Bedarfsfall leiten die Mitarbeiter auch weitere Maßnahmen in die Wege. Dazu zählt etwa die Vermittlung psychologischer Betreuung an die Krisenhilfe. Ein Einsatz der Krisenintervention dauert in der Regel zwischen einer und drei Stunden. 2018 waren die Mitarbeiter pro Tag im Schnitt 2,3 Mal im Einsatz. Im Fall von Großschadensereignissen errichtet das OÖ. Rote Kreuz sogenannte Betroffeneninformationszentren (BIZ). Diese dienen der umfassenden psychosozialen Betreuung im Rahmen komplexer Schadenslagen, Großunfällen oder Katastrophen.

Kriseninterventions-Mitarbeiter durchlaufen hochwertige Ausbildung mit Eignungstest
„Unsere Mitarbeiter durchlaufen eine fundierte Ausbildung mit Aufnahmegespräch und Eignungstest“, weiß Landesgeschäftsleiter-Stv. Mag. Thomas Märzinger, der in seinem Geschäftsbereich für die Krisenintervention zuständig ist. Im Ernstfall werden die Kriseninterventionsteams (KI) in der Regel von Mitarbeitern des Rettungsdienstes alarmiert. Aber auch andere Einsatzorganisationen können die freiwilligen Kriseninterventions-Mitarbeiter anfordern. So greift beispielsweise die Polizei auf Mitarbeiter der Krisenintervention zu, welche sie beim Überbringen von Todesnachrichten begleiten.

Auch Rotkreuz-Mitarbeiter brauchen Unterstützung
Schwierige Einsätze, wie beispielsweise schwere Verkehrsunfälle mit verletzten Kindern oder unfassbare Großereignisse mit mehreren Todesfällen fordern auch die Mitarbeiter des OÖ. Roten Kreuzes. Professionelle Hilfe erhalten sie von speziell geschulten SvE-Mitarbeitern (Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen), die sich um die psychische Nachbearbeitung kümmern. Dabei handelt es sich um sogenannte Peers. „Darunter versteht man speziell geschulte Mitarbeiter, die ihren Kollegen nach belastenden Einsätzen zur Seite stehen“, ergänzt Märzinger.

Positives, sinnstiftendes Gefühl motiviert die Mitarbeiter
Trotz allem motiviert die Kriseninterventions-Mitarbeiter ein positives, sinnstiftendes Gefühl. „Wir spüren, dass mit unserer Arbeit ein Stück Normalität in die betreuten Personen zurückkehrt. Wir schaffen für die Betroffenen einen sicheren Rahmen, nehmen uns Zeit das Geschehene begreifbar zu machen“, verrät Ebner. Darüber hinaus ändert das freiwillige Engagement in der Krisenintervention oft auch den Blick auf das eigene Leben. „Angesichts der Schicksale, mit denen wir in unserer Tätigkeit konfrontiert werden, sind herkömmliche Alltagsprobleme relativ. Das Gefühl der Dankbarkeit überwiegt.“

Einsatzgebiete:

§  Betreuung von Betroffenen und Angehörigen nach schweren Unfällen
§  Betreuung von Betroffenen und Angehörigen nach Großschadensereignissen/Katastrophen
§  Betreuung von Personen nach Verlust der Lebensgrundlage
§  Betreuung von Opfern bei Überfällen am Arbeitsplatz in Kooperation mit der Polizei
§  Betreuung von Lokführern nach schweren Zugunglücken in Kooperation mit der ÖBB
§  Betreuung von Angehörigen vermisster Personen
§  Überbringen von Todesnachrichten in Kooperation mit der Polizei
§  Betreuung von Hinterbliebenen nach Suizid eines Angehörigen

Zahlen und Fakten zur Krisenintervention

§  294 freiwillige Mitarbeiter in ganz Oberösterreich
§  839 Einsätze im Jahr 2018 (ein Großteil betrifft Einsätze nach plötzlichen Todesfällen und die Überbringung von Todesnachrichten – oft in Zusammenarbeit mit der Polizei)
§  2.227 freiwillige Betreuungsstunden
§  4.670 betreute Personen

Quelle, Bild: OÖRK

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